Sonic Youth - «Daydream Nation»

// Urs Musfeld

Wie kaum eine andere Band haben Sonic Youth den Lärm zur Kunst veredelt. Am 18. Oktober 1988 - sieben Jahre nach ihrer Gründung - erschien «Daydream Nation». Dieser Noise-Rock Meilenstein verschaffte dem New Yorker Quartett Thurston Moore, Kim Gordon, Lee Ranaldo und Steve Shelley den Durchbruch und legte den Grundstein für die nächsten zehn Jahre Rockmusik.

Vom Kampf zwischen Lärm und Melodie

«Daydream Nation» war ein monolithisches Manifest, das den brachialen Lärm in ein endgültiges, zukunftsweisendes Gitarrenrock-Format verwandelte. Die Dynamik übereinander geschichteter E-Gitarren nahm nicht nur die Grunge-Welle vorweg, sondern verwandelte den rohen, ungeschliffenen Sound in etwas, das der bildenden Kunst näher war als der Jukebox. Sonic Youth entfesselten einen abenteuerlichen Kampf zwischen Krach und Melodie, zwischen Struktur und Dekonstruktion und bannten ihn mit offenem Ausgang auf das Album – oder in den Worten der Bassistin und Sängerin Kim Gordon: «unsere Musik ist realitätsnah, dynamisch, dissonant, weil das Leben mit all seinen Extremen genauso ist». Als Urknall für alles, was Sonic Youth auszeichnete, sieht die Musikerin Punk und Post-Punk, die Negation von Virtuosität und den Glauben an die Kraft des eigenen Ausdrucks. Und zum Cover von «Daydream Nation», dem Gemälde «Die Kerze» des Künstlers Gerhard Richter, meinte sie einmal: «uns gefiel es, ein Cover zu haben, das nicht nach Punk aussieht, wo das Äussere nicht mit dem Inneren übereinstimmt – wie ein trojanisches Pferd».

Mit beeindruckender Souveränität kreierten Sonic Youth auf dem Doppelalbum zeitlose Hymnen wie «Teenage riot», «Candle» und «Rain king», zerlegten in «Silver Rocket» mit der Noise-Rock-Säge Punk-Rock in seine Einzelteile, wagten mit dem vierzehn-minütigen «Trilogy» einen Ausflug Richtung Prog-Rock oder liessen sich auf anstrengende, über sieben Minuten anschwellende Lärm-Experimente in «The sprawl» und «Total trash» ein. «Daydream Nation» gilt auch heute noch als Dreh-und Angelpunkt ihrer gesamten Diskographie.

Sonic Youth zeigten mehreren Generationen, wie man als Indie-Rock-Band fast drei Dekaden überlebt, ohne weder bedeutungslos zu werden, noch seine Ideale zu verraten. «Das Feuer in sich, den Glauben an sich bewahren, egal ob man nun 40, 50 oder 60 ist», schreibt Kim Gordon in ihrer Autobiographie «Girl in a band». Bis zur Auflösung im 2011 standen Sonic Youth für eine radikale Politisierung und Subversion mittels Ästhetik. In der symbiotischen Umsetzung verschiedenster kreativer Felder wie Musik, Film, Literatur, Performing Arts und bildende Kunst stellten sie ein popkulturelles Relikt dar.

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Urs Musfeld

 Urs Musfeld

SRF «Sounds!»-Musikredaktor von 1980-2017, 
noch immer unterwegs in den unendlichen Weiten des Musik-Dschungels mit dem Ohr für das Besondere.

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