Best of 2023: Alben

// Urs Musfeld

Hier meine Lieblingsalben 2023!

1. Jaimie Branch: «Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((World War))»

Das posthum erschienene Album «Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((World War))», aufgenommen wenige Wochen vor ihrem unerwarteten Tod 2022, zeugt vom Erfindungsreichtum der 39-jährigen amerikanischenTrompeterin und Sängerin. Inhaltliche Klammer sind die beissenden Texte über den amerikanischen Albtraum und den radikalen Wunsch nach Veränderung. Typisch sind ihre ausgelassenen Kollektivimprovisationen, ihr durchdringendes Trompetenspiel und die Kombination der Stile – von New Orleans Bigbandsound über Latin Jazz bis zu Free Jazz und Post Rock. Ein aufrüttelndes Hörerlebnis, berührend und euphorisierend zugleich.

2. Sufjan Stevens: «Javelin»

«Javelin» zeigt Sufjan Stevens einmal mehr als grossartigen Songschreiber und fantasievollen Arrangeur. Das Album erinnert an seine intime Singer/Songwriter-Zeit, schöpft aber auch aus seinem gesamten Katalog, seiner Musikalität und seinen lebenslangen Fragen zu Liebe und Hingabe. Während seiner ganzen Karriere hat Stevens die Sprache der Liebeslieder benutzt, um religiöse Hingabe auszudrücken, und umgekehrt. In allen zehn Songs gibt es überraschende Wendungen, Tonart- und Tempowechsel, sich steigernde, im schönsten Sinn eskalierende Chorgesänge. Täuschend einfache Songs brechen in epische Passagen und Klangwände aus, mit passenden lyrischen Wendungen.

3. PJ Harvey: «I Inside The Old Year Dying»

Basierend auf ihrem Gedichtband «Orlam» erschafft die britische Singer/Songwriterin PJ Harvey in den Liedern auf «I Inside The Old Year Dying» eine halluzinatorische Traumwelt aus Folkinstrumenten, einfacher Elektronik und verzerrten Feldaufnahmen. Trommeln, akustische Gitarren, Flöten, Klavier und Synthesizer bilden ein perfektes Gleichgewicht und schaffen zugleich eine erlösende und düstere Atmosphäre. Harvey besinnt sich auf ihre Heimat Dorset. Die Magie der Natur fängt sie dabei ebenso ein wie das Abgründige, das im Alltag in der Provinz immer auch mitschwingt. Vertonte Poesie, rätselhaft und mystisch.

4.Kara Jackson: «Why Does The Earth Give Us People To Love?»

Bekannt geworden ist Kara Jackson 2019 durch die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes und die Auszeichnung «National Youth Poet». Für ihr Debutalbum «Why Does the Earth Give Us People To Love?» stellt die amerikanische Dichterin ihre Schreibkunst erstmals in den Dienst der Musik. Ihr Genre ist vorwiegend das klassische Singer/Songwriter-Metier - mit viel Pedal Steel, Orgel und Piano, manchmal auch mit Ambient-Klängen. Mit ihrer dunklen, lakonisch vortragenden Stimme singt Jackson von schlechten Männern, Selbstwert oder verlorenen Lieben. Selbst ihre witzigsten Lieder steuern auf unversöhnliche Enden hin. Jeder Song von Jackson ist ein kleiner Weltuntergang.

5. Fever Ray: «Radical Romantics»

Erschöpfung und Ekstase koexistieren auf «Radical Romantics», dem dritten Album von Fever Ray (aka Karin Dreijer). Ihre Welt ist bevölkert von Aliens, Mutanten und Freaks. Aber diesmal hat es im Kern sehr nachvollziehbare menschliche Gefühle. Das Album schwimmt in den komplexen Gewässern, die die Liebe am Leben erhalten, nachdem der erste Rausch abgeklungen ist. Daneben geht es auch um Themen wie Geschlecht, Elternschaft, Glaube und Wissenschaft. Die Musik ist ein Akt der Selbsterhaltung als Avantgarde-Elektronik-Pop-Projekt. Wie immer erschafft Dreijer eine komplexe, faszinierende Welt, voller mitreissender Klanglandschaften und einprägsamer Melodien.

6. Blur: «The Ballad of Darren» 

Mit ihrem ersten Album seit acht Jahren zeigen die einstigen Britpop-Champions Blur, wie man in Würde altern kann. Auf ihrem stimmigen Spätwerk «The Ballad Of Darren» bleiben sie kreativ – blicken dabei aber auch gedankenvoll zurück. Midlife wird reflektiert und nicht ausgeblendet. Melancholisch-meditative, sanfte und verletzliche Momente wechseln sich mit ein paar wenigen lauten ab. Zehn liebevoll komponierte, oft mit Streichern grundierte und trotz ihrer Schwermütigkeit irgendwie auch hymnenhafte Songs. Damon Albarns Gesang bewegt sich zwischen lässig und müde, zwischen ironischer Distanz und Zweifel.

7. Grian Chatten: «Chaos For The Fly»

Mit «Chaos For The Fly» legt der Sänger der irischen Post-Punk-Band Fontaines D.C. sein Solo-Debut vor. Es bietet einen Ort der Einkehr. Ganz bewusst entfernt sich Chatten von seiner musikalischen Basis. Jenseits der elektrisch geladenen Schroffheit seiner Band entwirft er eine melacholische Singer/Songwriter-Meditation. Mit sonor tragender Stimme, Akustikgitarrre und Streichern beschäftigt sich der Wahl-Londoner in neun Folk- und Pop-Erzählungen mit Angst, Einsamkeit, Abhängigkeit und den Schattenseiten des Ruhms. Die Texte zeugen von Kümmernis und Qual, aber der Ton ist befreiend.

8.En Attendant Ana – «Principia»

Gegründet 2015 erweitert das französische Quintett En Attendant Ana auf dem dritten Album «Principia» mit viel Schwung seinen Gesamtsound. Er ist komplexer, die Arrangements sind ausgefeilter und die Melodien haben mehr Ohrwurmcharakter. Die Vorliebe für angelsächsischen Indie-Pop (u.a. Stereolab) klingt weiterhin nach. Getragen werden die Songs von der englisch klingenden und energischen Stimme Margaux Bouchaudons, begleitet von einer treibenden Rhythmussektion. Trompete und Saxofon verleihen dem charmanten Indie-Pop noch zusätzliche Raffinesse.

9. Soema Montenegro: «Circulo Radiante»

Auf ihrem fünften Album «Circulo Radiante» nimmt uns die argentinische Sängerin und Aktivistin Soema Montenegro mit auf eine poetische Reise quer durch Südamerika. Sie beschwört Flüsse, Dschungel und Karneval. Montenegros Kompositionen beginnen und enden auf dem Altiplano. Sie marschiert durch ein trockenes Hinterland, das von der Verwüstung durch den Bergbau bedroht ist, tanzt auf einem Karneval im chilenischen San Pedro de Atacama mit dem Teufel oder besucht im kolumbianischen Cumbia-Rhythmus den Norden Mexikos. Zusammen mit ihrem Produzenten Leo Martinelli verbindet sie traditionelle folkloristische Klänge mit elektronischer Musik.

10. Bar italia: «The Twits»

Nach ihrem von der englischen Musikpresse gefeierten Debut «Tracey Denim» bleiben sich Bar Italia auch auf «The Twits», ihrem zweiten Album in diesem Jahr, weitgehend treu. Allerdings wirken die Songs variantenreicher, weniger skizzenhaft. Neben ihrem Mix aus Lo-Fi, Indie-Rock und gelegentlichen Post-Punk-Ausbrüchen finden sich auch schwermütige Country- und Walzermelodien, Britpop- und Shoegaze-Einflüsse. Prägend für den Sound des Londoner Trios sind die Vocals, der oftmals fast dialogartig wirkende Wechselgesang von weiblicher und männlicher Stimme.

11. Noname: «Sundial»

12. Anohni: «My Back Was A Bridge Fo You To Cross»

13. Yussef Dayes: «Black Classical Music»

14. Róisin Murphy: «Hit Parade»

15. Mitski: «The Land Is Inhospitable And So Are We»

16. Yo La Tengo: «This Stupid World»

17. Rozi Plain: «Prize»

18. Malummi: «The Universe Is Black»

19. Everything But The Girl: «Fuse»

20. Sofia Kourtesis: «Madres»

 

Urs Musfeld

 Urs Musfeld

SRF «Sounds!»-Musikredaktor von 1980-2017, 
noch immer unterwegs in den unendlichen Weiten des Musik-Dschungels mit dem Ohr für das Besondere.

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